Frauen im Handwerk

23 März 2026

«Frauen bringen andere Perspektiven ins Handwerk»

Die 24-jährige Lorena Julietta Raffl ist Lernende Elektroplanerin im 4. Lehrjahr bei ETAVIS. Im Interview erzählt sie, wie sie ihren Weg ins Handwerk gefunden hat, welchen Vorurteilen sie selbst schon begegnet ist und was junge Frauen ihrer Meinung nach im Handwerk stärken könnte.

 

Lorena, was machst du als Elektroplanerin genau?
Ich plane elektrische Anlagen, erstelle Pläne und Berechnungen und begleite Projekte von der Idee bis zur Umsetzung.

Das klingt komplex. Was reizt dich persönlich daran?
Dass alles logisch ist. Man rechnet, plant, denkt voraus – und am Ende funktioniert es. Ich mag Mathematik, Technik, Physik und Chemie. In der Elektrotechnik kommt alles zusammen und erklärt ein Stück weit auch, wie Dinge auf der Welt funktionieren. Das fasziniert mich.

War Elektroplanerin schon immer dein Traumberuf?
Nicht direkt. Als Kind wollte ich Tierärztin werden, später dann in der Eventtechnik arbeiten. Seit einigen Jahren arbeite ich im Aufbauteam eines Wagens für die Street Parade in Zürich. Dort habe ich gemerkt, wie sehr mich Technik begeistert. Das Team hat mir geraten, eine Lehre als Veranstaltungsfachfrau zu machen. Das hat jedoch nicht geklappt – ich hatte weder den Führerschein noch war ich zu diesem Zeitpunkt volljährig, weshalb Nachtschichten für mich nicht möglich waren.

Wie ging es danach weiter?
Ich begann eine Lehre als Elektroinstallateurin, um mir ein solides technisches Fundament aufzubauen. Diese musste ich aus gesundheitlichen Gründen aber leider abbrechen. Erst in dieser Zeit habe ich den Beruf Elektroplanerin kennengelernt und mich gefragt, warum ich nicht schon früher davon wusste. In der Berufsschule habe ich besonders gerne Pläne gezeichnet und war darin auch stark. Deshalb habe ich mich entschieden, die Lehre als Elektroplanerin zu starten und im Bereich Elektrotechnik zu bleiben.

 

Lorena Raffl (links) spricht bei einem Auftritt am Neujahrsapéro der HKBB über Frauen im Handwerk.

 

Du arbeitest in einem eher männerdominierten Umfeld. Wie fühlt sich das an?
Ehrlich gesagt: ganz normal. Natürlich fällt man als Frau auf der Baustelle oder in Bausitzungen auf. Im Alltag zählt aber die Leistung. Ich werde mit denselben Erwartungen und demselben Vertrauen behandelt. Genau so soll es sein. Der einzige Unterschied ist körperlich bedingt. Aus gesundheitlichen Gründen kann ich nicht immer gleich schwer heben wie andere. Das ist für mich kein Problem, und ich schätze es, wenn Kollegen ihre Unterstützung anbieten.

Gab es auch Situationen, in denen du mit Vorurteilen konfrontiert wurdest?
Gerade am Anfang, ja. Vor allem von Externen – Mitarbeitenden anderer Gewerke oder vereinzelt auch von Kunden. Manche fragten, warum ich nicht einen «typisch weiblichen» Beruf gewählt habe. Andere zweifelten daran, dass ich die Arbeit genauso gut ausführen kann. Umso wichtiger war der Rückhalt im Team und der Zuspruch meiner Vorgesetzten. Das hat mir Sicherheit gegeben.

Was hilft dir, dich durchzusetzen?
Selbstvertrauen – und mein Umfeld, das hinter mir steht. Wenn an einen geglaubt und man ernstgenommen wird, geht man automatisch selbstbewusster an Dinge heran.

Wie unterstützt dich ETAVIS in deiner Ausbildung?
Ich habe jederzeit Ansprechpersonen und kann Fragen stellen. Wenn es stressig wird, darf ich das offen ansprechen. ETAVIS investiert sehr viel in die Ausbildung von Lernenden, das spürt man. Zudem werde ich in Aktivitäten eingebunden, etwa bei Aktionen für MINT-Klassen, auf Berufsmessen oder der Industrienacht in Basel. Das finde ich sehr wertvoll.

Warum braucht das Handwerk mehr Frauen?
Weil Frauen andere Perspektiven einbringen und diese die Teams aus meiner Sicht stärker machen. Frauen verfolgen oft andere Lösungsansätze, besonders in Kommunikation und Zusammenarbeit. Gleichzeitig lerne ich auch von meinen Kollegen. Gemischte Teams sind für mich deshalb klar ein Gewinn.

Hattest du weibliche Vorbilder?
Nicht viele. Umso mehr schätze ich die Frauen, die ich heute im technischen Umfeld sehe – auch bei ETAVIS. Sie zeigen, dass Führungsrollen erreichbar sind. Ein Vorbild ist Irene Binggeli, die im Ausbildungsteam bei ETAVIS in der Region Nord tätig ist. Ich bewundere, dass sie die Meisterprüfung gemacht hat. Viele Positionen, die ich mir später vorstellen kann, sind noch von Männern besetzt. Vielleicht darf ich selbst einmal diese Vorbildrolle übernehmen und andere inspirieren.

Was müsste sich ändern, damit mehr junge Frauen diesen Weg gehen?
Mehr Rückhalt im Umfeld. Ich hatte das Glück, von Familie und Freunden in meinem Berufswunsch bestärkt zu werden. Oft scheitert es nicht am Interesse oder am mangelnden Angebot, sondern an Zweifeln von aussen. Und es braucht mehr Sichtbarkeit von Frauen im Handwerk.

Was nimmst du aus deiner Ausbildung fürs Leben mit?
Strukturiertes Denken. Planen, Prioritäten setzen, Probleme lösen – das hilft mir beruflich und privat.

Und wo siehst du dich in ein paar Jahren?
Zuerst möchte ich meinen Abschluss erfolgreich machen. Danach kann ich mir eine Rolle in der Projektleitung oder auch in der Berufsbildung gut vorstellen, da ich mein Wissen gerne weitergebe.

Hast du einen Rat an Mädchen, die unsicher sind, ob sie einen technischen Beruf lernen sollen?
Unbedingt ausprobieren. Geht schnuppern, stellt Fragen und lasst euch nicht einreden, dass ihr etwas nicht könnt. Beweist allen Kritikern genau das Gegenteil, das war meine Strategie. Wenn es nicht passt, ist das okay – aber man sollte es zumindest versucht haben.

 


Lorena Julietta Raffl ist 24 Jahre alt und absolviert ihr letztes Lehrjahr als Elektroplanerin bei ETAVIS. In ihrer Freizeit fotografiert oder liest sie gerne, engagiert sich im Media-Team vom Knabenschiessen in Zürich und neu auch als Fotografin einer Guggenmusik in Basel. Kürzlich wurde sie vom Schweizer Onlinemedium «Bajour» im Rahmen des Neujahrsempfangs der Handelskammer beider Basel zur «Baslerin des Tages» gekürt.

Lehre, Persönlich