Neustart mit 43
Fabian Hesse absolviert als Erwachsener eine Lehre bei ETAVIS
Nach vielen Jahren im sozialen Bereich entscheidet sich Fabian Hesse für einen beruflichen Neuanfang: Mit Anfang vierzig beginnt er bei ETAVIS eine Lehre als Elektroinstallateur EFZ. Heute ist er im vierten Lehrjahr und arbeitet an Photovoltaik-Grossprojekten mit. Weshalb er sich bewusst für eine vierjährige Berufslehre entschieden hat – und warum dieser Schritt für ihn genau der richtige war.
Wer Fabian Hesse bei der Arbeit erlebt, begegnet einem Menschen, der genau hinschaut. Er erkennt Muster, hinterfragt technische Zusammenhänge und gibt sich nicht zufrieden, bis er ein System verstanden hat. Eigenschaften, die ihm heute in seiner Ausbildung zugutekommen. Dass er diesen Weg einmal einschlagen würde, war lange nicht absehbar.
Nach einer naturwissenschaftlichen Matura und einem abgebrochenen Chemiestudium absolvierte Fabian eine Pflegeausbildung. Später studierte er Soziale Arbeit und arbeitete mehrere Jahre als Sozialpädagoge an einer Sekundarschule. Dort unterstützte er Jugendliche im Schulalltag und leitete während mehr als sechs Jahren eine kantonale Fachgruppe.
Ein bewusster Neuanfang
Die Arbeit im sozialen Bereich erfüllte Fabian. Gleichzeitig merkte er, wie viel Kraft ihn die intensive Beziehungsarbeit kostete. Fabian beschreibt sich selbst als neurodivergent*. Zwischenmenschliche Situationen und unausgesprochene Erwartungen können für ihn besonders anspruchsvoll sein. Gemeinsam mit seinem persönlichen Umfeld begann er deshalb, seine berufliche Zukunft neu zu betrachten.
«Ich fragte mich, ob ich in einem technischen Beruf nicht noch glücklicher sein könnte», erzählt Fabian. Bestärkt wurde er von seiner Familie und seinen engsten Freunden. Die Idee, in die Elektrobranche zu wechseln, entstand durch sein Interesse an der Energiewende und damit an der Photovoltaik. Ein befreundeter Ingenieur brachte ihn darauf, dass er Solaranlagen nicht nur planen, sondern auch deren Bau begleiten könnte. Fabian besuchte einen Basis- und einen Planungskurs – und war sofort fasziniert. Die Verbindung aus Technik, Handwerk und erneuerbaren Energien entsprach genau dem, was er suchte.
Obwohl auch ein Studium der Elektrotechnik möglich gewesen wäre, entschied er sich bewusst für die vierjährige Berufslehre. «Beim handwerklichen Arbeiten komme ich in einen Flow. Ich kann mich ganz auf das Material und die Technik konzentrieren», erklärt er.

Lernen kennt kein Alter
Als erwachsener Lernender bringt Fabian viel Berufs- und Lebenserfahrung mit. Er arbeitet selbstständig, kennt seine Ziele und unterstützt auch jüngere Lernende. Statt ihnen Lösungen vorzugeben, hilft er ihnen, selbst den richtigen Weg zu finden. Umgekehrt schätzt er die Leichtigkeit, die seine jüngeren Kolleginnen und Kollegen in den Alltag bringen.
Ungewohnt war die neue Rolle dennoch. In der Berufsfachschule traf Fabian sogar auf Jugendliche, die er früher als Sozialpädagoge begleitet hatte. Fachlich musste auch er von Grund auf beginnen. Elektroschemata erschienen ihm anfangs wie eine Fremdsprache. Heute gehören sie zu seinen Stärken.
Seine Art zu denken ist dabei eine wertvolle Ressource. Technische Abweichungen und unvollständige Muster fallen ihm schnell auf. «Auch wenn ein Schema am Anfang kompliziert aussieht, beginnt mein Gehirn, das Puzzle zu lösen. Es lässt mich nicht los, bis sich der Kreis schliesst.» Gleichzeitig benötigt Fabian manchmal mehr Zeit im Arbeitsalltag, weil er Zusammenhänge vollständig erfassen muss, um sie zu verstehen. Häufig entstehen dadurch jedoch nachhaltige Lösungen. Auch Zeitdruck bei Prüfungen kann für ihn herausfordernd sein.
Vertrauen, das Mut macht
Mit ETAVIS fand Fabian einen Ausbildungsbetrieb, der bereit war, gemeinsam mit ihm eine passende Lösung für seine besondere Ausgangslage zu entwickeln. Sein Berufsbildungsverantwortlicher, sein Bauleiter und weitere Bezugspersonen unterstützten ihn beim Einstieg und ermöglichten ihm, früh im Photovoltaikbereich mitzuarbeiten. Zum Beispiel wurde für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine massgeschneiderte Lehre geschaffen: Fabian verzichtet auf einen Teil seines Lohnes, erhält dafür mehr Ferien, die er wöchentlich als einzelne Tage beziehen kann.
Dieses Vertrauen zahlte sich aus. Bereits nach wenigen Monaten übernahm Fabian während der Ferienabwesenheit seines Vorgesetzten zusätzliche Verantwortung auf einer Baustelle. «Das hat am Anfang etwas Mut gebraucht. Gleichzeitig hat es mir gezeigt, dass es möglich ist und auch nach der Lehre funktionieren kann», sagt Fabian. Zudem fanden sein Bauleiter und der zuständige Projektleiter einen positiven Umgang mit seiner Neurodiversität. So werden Erwartungen und Bedürfnisse gegenseitig offen angesprochen und konstruktive Kritik direkt adressiert. «Das erleichtert mir den zwischenmenschlichen Umgang enorm».
Heute arbeitet Fabian an Photovoltaik- und Batteriespeicherprojekten mit. Langfristig möchte er selbst Baustellen in diesem Bereich leiten. Besonders schätzt er, dass seine Stärken gesehen und gefördert werden. «Ich habe grosses Glück mit meinem Umfeld bei ETAVIS. Meine Vorgesetzten sehen mein Potenzial, trauen mir etwas zu und setzen sich für meine Entwicklung ein.»
Für Fabian ist diese Unterstützung ein wichtiger Grund, weshalb er seine Zukunft auch nach dem Lehrabschluss gerne im Unternehmen gestalten möchte. «ETAVIS engagiert sich wirklich für die Berufsbildung und die Lernenden. Es wurde viel in mich investiert.»
Der eigenen Richtung folgen
Fabians Geschichte zeigt, dass eine Berufslehre nicht nur am Anfang einer Laufbahn stehen muss. Sie kann auch später die Tür zu einem Beruf öffnen, der besser zu den eigenen Interessen, Stärken und Bedürfnissen passt. Menschen, die über einen Berufswechsel nachdenken, möchte Fabian deshalb Mut machen: «Wenn man das Gefühl hat, dass ein anderer Weg besser passen könnte, sollte man der inneren Stimme folgen. Der Aufwand lohnt sich.»
Mit 43 Jahren nochmals ganz von vorne zu beginnen, war für Fabian kein Rückschritt. Es war der bewusste Schritt hin zu einem Beruf, der Logik, Technik, Handwerk und seine Begeisterung für erneuerbare Energien verbindet. Oder wie er selbst sagt: «Ich hätte irgendeinen anderen Beruf wählen können. Aber ich habe mich für den Elektroinstallateur entschieden – und ich fühle mich sehr wohl damit.»
*Neurodivergenz bedeutet, dass das Gehirn Informationen anders verarbeitet, als es gesellschaftlich als typisch gilt. Der Begriff kann unter anderem Menschen mit Autismus, ADHS oder Legasthenie einschliessen. Neurodivergenz ist jedoch keine eigenständige medizinische Diagnose und kann sich von Person zu Person sehr unterschiedlich zeigen. Sie kann sowohl besondere Stärken als auch Herausforderungen mit sich bringen.
Lehre, Persönlich